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Studie: Tarifbeschäftigte entscheiden sich eher für mehr Zeit als für mehr Geld
Bei einer Wahlmöglichkeit im Tarifvertrag entscheiden sich die Beschäftigten einer Studie zufolge eher für eine zeitliche Entlastung als für einen höheren Verdienst. Besonders häufig wählten Frauen diese Option, wie das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung am Dienstag mitteilte. Auch Beschäftigte in Betrieben, "die ein belastendes Arbeitsklima haben oder wenig für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie tun", entscheiden sich demnach überdurchschnittlich häufig dafür.
Insgesamt gaben laut der Untersuchung des WSI, der Universität Bielefeld und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) 59 Prozent der Befragten an, dass sie sich bei einer entsprechenden Wahlmöglichkeit im Tarifvertrag ausschließlich für mehr Zeit entschieden. Sechs Prozent bevorzugten eine Kombination aus mehr Zeit und Geld und 35 Prozent ausschließlich mehr Geld.
Dabei wählten Frauen - vor allem solche mit Kindern unter 14 Jahren - häufiger die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit zu verkürzen. "Das taten 79 Prozent in dieser Gruppe", erklärte das WSI. Jedoch hätten sich die genannten Motive kaum nach Geschlecht unterschieden: Bei Frauen wie Männern stehe die Begründung "mehr Zeit für die Familie" an Position zwei, der häufigste Grund sei "mehr Zeit für Hobbies, Freunde und mich selbst" haben zu wollen.
Für die Untersuchung wurden die Angaben von 1900 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ausgewertet, die nach Abschluss der Tarifrunde eine entsprechende Wahlmöglichkeit hatten, wie es sie laut WSI unter anderem in der Metall- und Elektroindustrie, bei der Deutschen Bahn, der Stahlindustrie oder im öffentlichen Dienst bei Bund und Kommunen gibt. Die Angaben der Befragten beziehen sich auf das Jahr 2022.
Die Studie ergab laut WSI auch, dass eine Entscheidung der Beschäftigten für mehr freie Zeit stark mit der Betriebskultur zusammenhängt: Dort, wo Vollzeitarbeit die Norm sei und höchstens zehn Prozent in Teilzeit arbeiteten, hätten nur 54 Prozent die Möglichkeit zur Reduzierung der Arbeitszeit bei gleichzeitigem Verzicht auf eine Entgelterhöhung genutzt - in den übrigen Betrieben seien es dagegen 66 Prozent gewesen.
Die Furcht "vor Lohn- und Karrierenachteilen" durch geringere Arbeitszeit sei offenbar dort besonders groß, wo eine traditionelle "Vorstellung der idealen Arbeitskraft" herrsche, erklärten die Forscherinnen und Forscher. Die insgesamt "starke Nutzung tariflicher Zeitoptionen" mache deutlich, dass die Wahloptionen ein entscheidendes Instrument seien, "um mehr Zeitgerechtigkeit im Arbeitsleben zu erreichen".
Zudem seien sie" wertvoll für den Gesundheitsschutz", führte das WSI aus. Eine Wahlmöglichkeit ermögliche es den Beschäftigten, "Belastungen frühzeitig zu reduzieren und damit Risiken wie Erschöpfung oder Burnout vorzubeugen", erklärte das Forschungsinstitut der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung.
Umso wichtiger sei es daher, dass die Bundesregierung die Tarifbindung stärke, "um so zu einer Verbreitung der tariflichen Wahloptionen beizutragen". In die Irre führe es dagegen, wenn darauf gesetzt werde, die Arbeitszeiten zu verlängern "oder gar das Recht auf Teilzeit einzuschränken, wie es der Wirtschaftsflügel der CDU gefordert hat".
I.Stoeckli--VB