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Selenskyj: Russland kontrolliert nun ein Fünftel der Ukraine
In der Ukraine dauert der Krieg seit nunmehr hundert Tagen an - und die russischen Streitkräfte kontrollieren inzwischen ein Fünftel des Landes. "Rund 20 Prozent unseres Territoriums sind nun unter Kontrolle der Besatzer", sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Im Osten des Landes werde die Lage immer schwieriger: "Wir verlieren täglich 60 bis 100 Soldaten." Seit Beginn des russischen Angriffskrieges am 24. Februar wurden tausende Menschen getötet und mehrere Millionen Ukrainer in die Flucht getrieben.
Das nun von Russland in der Ukraine kontrollierte Territorium sei bei weitem größer als die Fläche aller Benelux-Staaten zusammen, sagte Selenskyj am Donnerstag in einer Ansprache vor dem Parlament in Luxemburg. Das Gebiet umfasse fast 125.000 Quadratkilometer, vor dem 24. Februar seien es gut 43.000 Quadratkilometer gewesen.
Russland hatte 2014 die Halbinsel Krim annektiert, und im Osten kontrollierten seither die pro-russischen Separatisten rund ein Drittel der Bergbauregion Donbass. Dem US-Sender Newsmax sagte der ukrainische Präsident am Mittwoch, die Situation im Osten sei "wirklich schwierig". Jeden Tag verzeichne die ukrainische Armee bis zu hundert getötete Soldaten und etwa 500 Verletzte.
Nachdem der russische Militäreinsatz in den ersten Kriegswochen ins Stocken geraten war, konzentriert sich Russland seit Ende März auf die Eroberung des Donbass und die Schaffung eines durchgehenden Landkorridors im Süden bis zur Krim.
In der strategisch wichtigen Stadt Sjewjerodonezk in der Region Luhansk kontrollieren die russischen Streitkräfte mittlerweile "80 Prozent der Stadt", wie der Regionalgouverneur Serhij Gajdaj in der Nacht zum Donnerstag mitteilte. Ukrainische Soldaten halten sich noch im Industriegebiet der Stadt verschanzt.
Sollte die Stadt vollständig in die Hände der russischen Streitkräfte fallen, hätten diese de facto die Kontrolle über die gesamte Region Luhansk. Der ukrainische Armeechef Walerij Saluschnyj erklärte, in Luhansk seien seine Soldaten mit der derzeit "schwierigsten Situation" konfrontiert.
"Der Feind hat einen operativen Vorteil in Bezug auf die Artillerie", sagte er in einem Telefonat mit dem französischen Generalstabschef Thierry Burkhard. Seiner Ansicht nach sollten die ukrainischen Truppen "so schnell wie möglich" auf Waffentypen der Nato umgestellt werden. "Das würde Leben retten", sagte Saluschnyj.
Die Ukraine hofft dabei auf die kürzlich von den USA zugesagten Mehrfachraketenwerfer, die über eine größere Reichweite und Präzision verfügen. Auch Deutschland will der Ukraine bis Ende Juni vier Mehrfachraketenwerfer vom Typ Mars II liefern.
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte am Mittwoch zudem die Lieferung des modernen Luftverteidigungssystems Iris-T-SLM angekündigt. Damit lasse sich "eine ganze Großstadt vor russischen Luftangriffen schützen", sagte der Kanzler.
Der Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, der die Bundesregierung wegen zögerlicher Waffenlieferungen wochenlang harsch kritisiert hatte, lobte daraufhin die Ankündigungen von Scholz. "Wir sind glücklich darüber, dass nun endlich Bewegung in die Sache gekommen und das Eis gebrochen ist", sagte Melnyk der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten". "Gerade um das System Iris haben wir uns hinter den Kulissen seit fast drei Monaten bemüht."
US-Außenminister Antony Blinken erklärte, derzeit gebe es keine Anzeichen für einen Rückzug der russischen Streitkräfte. "Soweit wir das jetzt beurteilen können, wird der Konflikt noch viele Monate andauern", sagte Blinken.
A.Gasser--BTB