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Ende der Skepsis: EU will Atomkraft künftig stärker unterstützen
Nach Jahren der Skepsis wendet sich die EU wieder verstärkt der Atomenergie zu: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte die Abkehr von der Atomkraft - ähnlich wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kürzlich - am Dienstag einen "strategischen Fehler". Zugleich kündigte sie auf einem Atomenergie-Gipfel in Frankreich neue Finanzhilfen der EU für Atomenergie an. Die EU werde 200 Millionen Euro für Bürgschaften für private Geldgeber zur Verfügung stellen, die in neue Atomtechnologien investieren wollen, sagte von der Leyen. Dies solle durch den Emissionshandel finanziert werden.
"Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren", sagte von der Leyen bei dem Treffen in Boulogne-Billancourt bei Paris. 1990 stammte etwa ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernenergie, heute seien es nur knapp 15 Prozent, erklärte sie.
Die EU setze in erster Linie auf die Entwicklung sogenannter kleiner modularer Reaktoren (SMR - small modular reactors). "Wir wollen, dass diese neue Technologie in Europa bis Anfang der 2030er Jahre einsatzbereit ist", sagte von der Leyen. Die neuen Reaktoren sollten neben herkömmlichen Atomkraftwerken eine "Schlüsselrolle" spielen.
Von der Leyen schloss nicht aus, auch andere Atomvorhaben zu unterstützen. "Wir müssen das gesamte nukleare Ökosystem stärken, von den Brennstoffen bis zur Technologie, von den Lieferketten bis zu Kompetenzen", sagte die EU-Kommissionspräsidentin.
Damit kam sie den Forderungen des Gastgebers, des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, weit entgegen. Dieser hatte den Gipfel einberufen, um den globalen Aufschwung der Atomenergie weiter zu befeuern - und nicht zuletzt die eigene Industrie davon profitieren zu lassen.
Zum Auftakt des eintägigen Treffens forderte Macron neue Finanzierungsmöglichkeiten für Atomenergie. "Wir müssen es schaffen, diese Projekte besser zu finanzieren, sowohl konventionelle als auch innovative Atomvorhaben", sagte er. Er bekräftigte Frankreichs Forderung nach "technologischer Neutralität", womit er die Gleichstellung von Atomenergie mit erneuerbaren Energien meint - insbesondere mit Blick auf finanzielle Unterstützung.
Macron forderte zudem mehr Investitionen in die Entwicklung kleiner, modularer Atomreaktoren. "Unsere amerikanischen Freunde, die Kanadier und Chinesen sind bei diesen Innovationen an vorderster Front, die Europäer müssen im Rennen bleiben", sagte er.
Zudem plädierte er für eine bessere grenzüberschreitende Zusammenarbeit. "Wir brauchen einen Markt für den freien Verkehr von kohlenstofffreien Elektronen", sagte Macron. Dabei sei es egal, ob der Strom mit Offshore-Windenergie in Belgien, mit Solarenergie in Griechenland oder mit Atomenergie in Frankreich erzeugt werde, fügte er hinzu.
An dem Atomenergie-Gipfel nahmen Vertreter von etwa 40 Staaten und Organisationen teil, unter ihnen neun Staats- und Regierungschefs, unter anderem aus Ruanda, Marokko und Belgien. Deutschland war nicht vertreten.
In der EU haben sich 15 Mitgliedstaaten zu einer von Frankreich initiierten Atom-Allianz zusammengeschlossen, darunter Italien und Schweden. Andere Länder haben der Atomenergie dauerhaft den Rücken gekehrt, darunter Deutschland - wobei Merz dies inzwischen bedauert - Österreich und Spanien.
Die Umweltorganisation Greenpeace hatte für einige Momente die Ankunft der Teilnehmer gestört. Aktivisten hielten Transparente in die Kameras, auf denen stand "Atomgeschäfte fördern Russlands Krieg" und "Atomkraft = Energie-Unsicherheit".
R.Braegger--VB