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Neuer Boeing-Chef soll kriselnden US-Flugzeugbauer zurück auf Kurs bringen
Die Vorschusslorbeeren sind beträchtlich - ebenso wie die Erwartungshaltungen von Aktionären, Beschäftigten und Gewerkschaft: Beim strauchelnden US-Flugzeugbauer Boeing tritt am Donnerstag Robert "Kelly" Ortberg den Posten als Konzernchef an. Luftfahrtexperten und Analysten zeigten sich im Vorfeld voll des Lobes für den 64-Jährigen. Doch seine Aufgaben sind gewaltig.
Boeing steht derzeit wegen Vorwürfen zu Sicherheitsmängeln an seinen Flugzeugen unter starkem Druck. Großen Wirbel verursachte zuletzt ein Vorfall im Januar, bei dem einer 737 MAX 9 von Alaska Airlines während des Fluges eine Kabinentürabdeckung abgefallen war - die Maschine musste notlanden.
Auch finanziell hat der Luft- und Raumfahrtriese große Mühe, sich von den Folgen zweier tödlicher Abstürze von Boeing-Maschinen in den Jahren 2018 und 2019 sowie den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Luftfahrtbranche zu erholen. Die Ernennung Ortbergs zum Nachfolger des scheidenden Vorstandschefs Dave Calhoun war am 31. Juli bekanntgegeben worden - am selben Tag, an dem der Airbus-Konkurrent für das zweite Quartal einen herben Verlust von mehr als 1,4 Milliarden US-Dollar vermelden musste.
Ortberg, der für die Nachfolge des 67-jährigen Calhouns nun aus dem Vorruhestand zurückkehrt, hat indes große Erfahrung als Luftfahrtmanager. Er arbeitete bereits mehr als 35 Jahre in der Branche und lotste unter anderem das Unternehmen Collins Aerospace, heute eine Filiale des Konzerns RTX, durch mehrere Fusionen und Übernahmen.
Luftfahrtexperten verwiesen angesichts seiner Ernennung zudem darauf, dass Ortberg von außerhalb des Konzerns kommt. "Wir sehen Kelly Ortberg als Gewinn für Boeing", schrieben etwa die Analysten von Melius Research. Er habe "einen technischen Hintergrund" und "Erfahrung in der Leitung eines börsennotierten Unternehmens". Zudem blicke Ortberg auf "eine jahrzehntelange Tätigkeit in der Luft- und Raumfahrtindustrie" zurück - und sei "ein Außenstehender, was einen neuen Ansatz zur Lösung der Probleme von Boeing ermöglichen sollte".
Das drängendste Thema für Ortberg dürfte die Wiederherstellung der Produktionsqualität sein. Boeing hat hierzu auf Verlangen der US-Flugaufsichtsbehörde FAA bereits einen Fahrplan erstellt. Um die notwendigen Qualitätsstandards zu erreichen, soll außerdem der 2005 ausgegliederte Zulieferer Spirit AeroSystems wieder Teil von Boeing werden - für 4,7 Milliarden Dollar.
Zugute kommt Ortberg künftig womöglich, dass er von Seattle im US-Westküstenstaat Washington aus arbeiten will - dem Geburtsort von Boeing, an dem sich auch die Montagelinien für das Konzernflaggschiff 737 und die 777 befinden. Die Gewerkschaft IAM-Distrikt 751, die mehr als 30.000 Boeing-Beschäftigte in der Umgebung von Seattle vertritt, nannte Ortbergs Entscheidung, sich in der Stadt niederzulassen, bereits "einen Schritt in die richtige Richtung".
Das Wohlwollen der Gewerkschaft ist wichtig, da Boeing derzeit über den nächsten Tarifvertrag verhandelt, der im September in Kraft treten soll. Die Gewerkschaft hat bereits Streikmaßnahmen genehmigt, falls bis zu diesem Termin keine Einigung erzielt werden sollte.
Ortberg selbst meldete sich bislang nicht zu seinem neuen Posten als Boeing-Konzernchef zu Wort, äußerte sich in einer Verlautbarung aber "extrem geehrt und demütig", bei dieser "ikonischen Firma" an Bord zu gehen. Der scheidende Chef Calhoun soll unterdessen bis März 2025 Sonderberater des Boeing-Vorstands bleiben.
G.Haefliger--VB