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Kiew meldet Funde hunderter Gräber mit Folteropfern in rückeroberten Gebieten
In der von ukrainischen Truppen zurückeroberten Region Charkiw im Osten des Landes sind nach ukrainischen Angaben hunderte Gräber und mehrere "Folterräume" entdeckt worden. Insgesamt seien nahe Isjum 443 Gräber gefunden worden, darunter eines mit 17 Soldaten, erklärten die ukrainischen Behörden am Freitag. Dem Charkiwer Gouverneur Oleg Synegubow zufolge weisen "99 Prozent" der Leichen Zeichen von Folter und Hinrichtungen auf.
Synegubow, schrieb am Freitag im Onlinedienst Telegram, mehrere der exhumierten Leichen hätten "auf dem Rücken gefesselte Hände und ein Mensch wurde mit einem Seil um den Hals begraben". Offensichtlich seien diese Menschen "gefoltert und hingerichtet" worden.
Journalisten der Nachrichtenagentur AFP vor Ort berichteten von hunderten Gräbern in einem Wald nahe der Stadt, die mit Kreuzen und Nummern gekennzeichnet waren. Der Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlaments, Dmytro Lubinets, erklärte auf Telegram, "wahrscheinlich" seien in den "befreiten Gebieten der Region Charkiw mehr als 1000 ukrainische Bürger gefoltert und getötet worden".
"Viele Menschen sind an Hunger gestorben", sagte Oleg Kotenko, der ukrainische Regierungsbeauftragte für die Vermisstensuche. "Dieser Teil der Stadt war abgeschnitten, es gab keine Versorgungsmöglichkeiten."
Der ukrainische Polizeichef Igor Klymenko berichtete zudem von mindestens "zehn Folterräumen", die in der Region Charkiw entdeckt worden seien. Sechs davon befänden sich in Isjum, zwei weitere in der kleinen Stadt Balaklija.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verglich Isjum mit den Städten Butscha und Mariupol, die zu Symbolen für die Gräuel der russischen Invasion in der Ukraine geworden sind. Am Freitag kommentierte Selenskyj die Funde in Isjum in einer in Online-Netzwerken veröffentlichten Erklärung mit den Worten: "Russland hinterlässt nur Tod und Leid. Mörderer. Folterknechte."
US-Außenminister Antony Blinken sagte zu den Funden, in vielen Fällen handele es sich wohl "um Kriegsverbrechen". "Ich denke, das ist der Rahmen, in dem wir das betrachten sollten", sagte er vor Journalisten in Washington. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell äußerte sich "zutiefst schockiert" über das "unmenschliche Verhalten" der russischen Streitkräfte.
Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) kündigte die Entsendung eines Teams nach Isjum zur Prüfung der ukrainischen Vorwürfe an. Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) forderte ebenfalls Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen in der Ukraine. Die "Kriegsverbrechen" dürften und würden "nicht ungesühnt bleiben."
In mehreren Gebieten unter russischer Kontrolle wurden unterdessen Anschläge auf pro-russische Vertreter gemeldet. In der ostukrainischen Separatistenregion Luhansk wurde der dortige Generalstaatsanwalt nach Behördenangaben bei einer Explosion im Gebäude der Generalstaatsanwaltschaft getötet. Auch im Süden der Ukraine kamen offenbar mehrere pro-russische Vertreter ums Leben.
Der russische Präsident Wladimir Putin warf der Ukraine mit Blick auf die Angriffe den Versuch vor, "Terrorangriffe" zu verüben und russische zivile Infrastruktur zu beschädigen. Moskau sei "ziemlich zurückhaltend" in seiner Reaktion darauf, sagte er bei einem Gipfeltreffen in Usbekistan. Putin ergänzte: "Wenn sich die Situation weiter so entwickelt, wird die Antwort ernsthafter sein".
An der Front dauerte der russische Beschuss am Freitag unvermindert an. In der Region Charkiw wurden nach Angaben der Regionalbehörden zwölf Menschen verletzt, vier weitere in der Stadt Charkiw selbst. In der ostukrainischen Region Donezk wurden nach Angaben des Präsidialamts bei russischen Angriffen insbesondere auf Bachmut fünf Menschen getötet und sechs weitere verletzt.
Der ukrainische Präsident Selenskyj bekommt indes die Möglichkeit, bei der kommende Woche beginnenden Generaldebatte der UN-Vollversammlung eine Videoansprache zu halten, weil er wegen des russischen Angriffskriegs nicht nach New York reisen kann. Die UN-Mitgliedstaaten stimmten am Freitag mehrheitlich dafür, für Selenskyj eine Ausnahme zu machen.
P.Anderson--BTB