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Tötung von Chamenei durch US-israelische Angriffe nährt Furcht vor Gewaltspirale
Die Tötung des obersten Führers des Iran, Ayatollah Ali Chamenei, durch einen US-israelischen Angriff hat Befürchtungen vor einer weiteren Eskalation in der Region genährt. Am Sonntag kamen in Israel mindestens neun Menschen durch eine iranische Rakete ums Leben. In mehreren Golfstaaten gab es Tote und Verletzte durch iranische Geschosse. Der iranische Rote Halbmond gab die Zahl der Todesopfer im Iran am Samstag mit 200 an. Auch drei US-Soldaten wurden laut Pentagon seit Samstag getötet.
Bei dem iranischen Raketenangriff auf Israel in der westlich von Jerusalem gelegenen Stadt Beit Schemesch wurde ein Gebäude getroffen. Dabei wurden nach Angaben des Rettungsdienstes Magen David Adom mindestens neun Menschen getötet und 28 weitere verletzt.
Auch am Sonntag gab es wieder iranische Vergeltungsangriffe auf mehrere US-Militärstützpunkte in der Golfregion. In Kuwait starb nach Behördenangaben mindestens ein Mensch, 32 weitere seien verletzt worden. In den Vereinigten Arabischen Emiraten starben seit Samstag drei Menschen durch iranische Geschosse, 58 weitere wurden verletzt.
Journalisten der Nachrichtenagentur AFP und Anwohner berichteten von Explosionen aus Abu Dhabi und Dubai, dem katarischen Doha und Bahrains Hauptstadt Manama. Auch im Osten der saudiarabischen Hauptstadt Riad waren demnach laute Explosionen zu hören. Durch Luftraumsperrungen war der Flugbetrieb stark beeinträchtigt.
Die iranischen Revolutionsgarden griffen zudem nach eigenen Angaben einen US-Flugzeugträger im Persischen Golf an. "Der US-Flugzeugträger 'USS Abraham Lincoln' wurde von vier ballistischen Raketen getroffen", teilten die Revolutionsgarden am Sonntag laut örtlichen Medien mit.
In einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats warnte UN-Generalsekretär António Guterres vor unvorhersehbaren Folgen der Eskalation. Auch Papst Leo XIV. mahnte zu einer Rückkehr an den Verhandlungstisch, ansonsten drohe eine "Spirale der Gewalt". EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte, der Tod Chameneis wecke "neue Hoffnung für das iranische Volk", aber berge gleichzeitig "ein echtes Risiko der Instabilität, die die Region in eine Spirale der Gewalt treiben könnte".
Die USA und Israel hatten am Samstagmorgen nach wochenlangen Drohungen mit massiven Luftangriffen auf den Iran begonnen. Später wurde bekannt, dass dabei das geistliche Oberhaupt des Iran, Chamenei, getötet worden war. Das iranische Staatsfernsehen bestätigte am Sonntag den Tod des 86-Jährigen, nachdem dies zuvor bereits US-Präsident Donald Trump verkündet hatte. Mit Chamenei wurden israelischen Angaben zufolge insgesamt 40 ranghohe Vertreter der iranischen Führung getötet.
Iranischen Medien zufolge wurden "während einer Sitzung des Verteidigungsrates" auch der Generalstabschef der iranischen Streitkräfte, Abdolrahim Mussawi, der Anführer der Revolutionsgarden, Mohammed Pakpur, und der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates, Ali Schamchani - ein enger Berater Chameneis - getötet. Ebenfalls getötet wurden Verteidigungsminister Asis Nasirsadeh und Polizeigeheimdienstchef Gholamresa Resaian sowie Chameneis Tochter, deren Ehemann und Tochter.
Für die Übergangsphase im Iran wurde ein dreiköpfiges Führungsgremium bestimmt, das laut Staatsmedien seine Arbeit noch am Sonntag aufnahm. Ihm gehören neben Präsident Massud Peseschkian auch Ayatollah Aliresa Arafi und Justizchef Gholamhossein Mohseni Edschei an.
Präsident Peseschkian bezeichnete die Tötung Chameneis als "offene Kriegserklärung an die Muslime". Der einflussreiche Chef des Nationalen Sicherheitsrats des Iran, Ali Laridschani, drohte mit beispiellosen Angriffen. "Heute werden wir sie mit einer Härte treffen, die sie noch nie erlebt haben", fuhr er fort. Die Revolutionsgarden kündigten am Sonntag an, "die heftigste Offensive in der Geschichte der Streitkräfte der Islamischen Republik Iran" werde "jeden Moment beginnen".
Über fast vier Jahrzehnte verkörperte Chamenei die Islamische Republik und das schiitische Mullah-System. Sein harter, extrem konservativer Kurs zeigte sich zuletzt bei der blutigen Niederschlagung der Massenproteste der Bevölkerung im Januar. Mehrere tausende Menschen wurden dabei nach Einschätzung von Menschenrechtsorganisationen getötet.
Entsprechend feierten seine Gegner am Sonntag die Nachricht von Chameneis Tod. In Teheran waren am späten Samstagabend Freudenschreie zu hören, wie Zeugen berichteten. Menschen standen an den Fenstern ihrer Wohnungen und applaudierten.
Am Sonntag demonstrierten in Teheran aber auch tausende Anhänger der iranischen Führung und riefen "Tod den USA" und "Tod Israel", wie Journalisten der Nachrichtenagentur AFP beobachteten.
Trump hatte am Samstagabend MEZ als erster den Tod Chameneis bekannt gegeben: "Chamenei, einer der bösesten Menschen der Geschichte, ist tot", erklärte er. Den Tod von Irans geistlichem Oberhaupt bezeichnete Trump als "Gerechtigkeit" für alle, "die von Chamenei und seiner Bande blutrünstiger Gangster getötet oder verstümmelt wurden".
Trump hatte die Luftangriffe am Samstag mit dem iranischen Atom- und Raketenprogramm sowie der iranischen Unterstützung für bewaffnete Milizen in anderen Ländern begründet. Er hatte der Führung in Teheran seit Wochen mit einem Militäreinsatz gedroht. Parallel zu neuen Atomgesprächen mit Vertretern des Iran verstärkten die USA ihre Militärpräsenz in der Region massiv. Bei den Angriffen ab Samstag wurden drei US-Soldaten getötet und fünf weitere schwer verletzt, wie das US-Kommando für die Region mitteilte. Nähere Angaben zum Ort oder Art des Einsatzes gab es nicht.
Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu kündigte an, dass auch in den kommenden Tagen "tausende Ziele des terroristischen Regimes" angegriffen werden sollten. Auch im Irak wurde am Sonntag erneut das pro-iranische paramilitärische Bündnis Hasched-al-Schaabi angegriffen, vier Menschen wurden dabei laut Behördenangaben getötet.
An die Bevölkerung des Iran appellierte Netanjahu, die Führung in Teheran zu stürzen: "Das ist Eure Zeit, Eure Kräfte zu vereinen, um das Regime zu stürzen und Eure Zukunft zu sichern."
Der Sohn des letzten iranischen Schahs, Reza Pahlavi, erklärte bei X, mit Chameneis Tod sei die Islamische Republik "faktisch zu Ende gegangen und wird bald im Mülleimer der Geschichte landen". Der im US-Exil lebende Oppositionelle hält sich bereit, einen Übergang in seiner Heimat anzuführen.
Die USA und Israel hatten den Iran bereits im vergangenen Jahr angegriffen. Die USA bombardierten im Juni drei wichtige iranische Atomanlagen. Nach zwölf Tagen endete damals der Krieg.
I.Stoeckli--VB