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Thurgauer Schulen: Lehrermangel überwunden, Werteverlust und Sonderschulquote steigen
Mit Beginn des neuen Schuljahres im Kanton Thurgau konnten alle offenen Stellen für Klassenlehrpersonen besetzt werden. Gleichzeitig thematisieren die kantonalen Verantwortlichen einen deutlichen Anstieg der Sonderschulquote und einen allgemeinen Werteverlust in der Gesellschaft, der zu mehr Verhaltensauffälligkeiten bei Schülerinnen und Schülern führt.
Mit dem Start des neuen Schuljahres im Kanton Thurgau hat sich die Lage an der Lehrkräftefront deutlich entspannt. Rund 33'700 Kinder und Jugendliche sind am vergangenen Montag in den Unterricht gestartet, wobei alle offenen Stellen für Klassenlehrpersonen besetzt werden konnten. Dennoch sehen sich die kantonalen Verantwortlichen mit neuen, tiefgreifenden Herausforderungen konfrontiert: Ein starkes Wachstum der Sonderschulquote und ein allgemeiner Werteverlust in der Gesellschaft belasten das Bildungssystem zunehmend.
Bei der vierten Sommermedienfahrt des Kantons Thurgau in der Schule Erlen stellten die Hauptverantwortlichen für den Schulbetrieb die aktuellen Entwicklungen vor. Heinz Leuenberger, Präsident des Verbandes Thurgauer Schulgemeinden, wies darauf hin, dass das Thema «Hitzefrei» auf kantonaler Ebene keine Rolle spiele. Jede Schule sei verpflichtet, klimatisierte Räume anzubieten, und es liege in der Eigenverantwortung der Institutionen, den Unterricht entsprechend zu gestalten. Auch längere Sommerferien seien aktuell kein Thema.
Regierungsrätin Denise Neuweiler, Chefin des Departements für Erziehung und Kultur, betonte bei der Medienkonferenz im Singsaal der Schule Erlen, dass die Situation bei der Besetzung der Lehrstellen zwar entspannt sei, andere Bereiche jedoch Sorgen bereiten. «Wir haben immer mehr Kinder im Unterricht mit Verhaltensauffälligkeiten», sagte Neuweiler. Sie beschrieb Schülerinnen und Schüler, die nicht stillsitzen könnten und keine Grenzen mehr akzeptierten.
Ein zentrales Problem ist das Wachstum der Sonderschulquote. Im Jahr 2025 verfügten rund 1'280 Kinder und Jugendliche über einen Sonderschulstatus, was einem Anstieg von 7,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Rund ein Viertel dieser Schülerinnen und Schüler werde integrativ beschult, der Rest besuche Vertragssonderschulen oder erhalte spezielle Platzierungen. Neuweiler erklärte, dass das Wachstum der Anzahl Sonderschüler nicht linear mit dem aller Schüler verlaufe und dadurch immer höhere Kosten verursache.
Die Regierungsrätin betonte, es handele sich um eine gesellschaftliche und politische Herausforderung, genügend Sonderschulplätze zu schaffen. Es gelte, Wege zu finden, wie eine Sonderbeschulung vermieden oder zumindest verkürzt werden könne. «Es soll kein 'One Way' sein, wenn ein Kind eine separative Beschulung hat», so Neuweiler. Die Zeit der Sonderbeschulung solle begrenzt sein und stets die Möglichkeit offen halten, dass ein Kind in die Regelschule zurückkehren kann.
Auf die Frage nach den Gründen für die wachsende Zahl von Sonderschülern und dem Zusammenhang mit der Digitalisierung führte Neuweiler aus, dass digitale Medien zunehmend dazu genutzt würden, Kinder zu «hüten» und ruhig zu stellen. Zwar gebe es noch wenig empirische Daten zum Phänomen, da die Forschung hier noch nicht weit fortgeschritten sei, doch hätten Kinder heute weniger Möglichkeiten, ihre Selbstwirksamkeit im Spiel mit Gleichaltrigen zu erproben.
Heinz Leuenberger ging in seiner Analyse einen Schritt weiter und verwies auf ein tieferes gesellschaftliches Problem. «Der Wertezerfall ist das Hauptthema», erklärte der Präsident des Verbandes Thurgauer Schulgemeinden. Niemand wolle noch Verantwortung für seine Handlungen übernehmen. Dies beginne in den Elternhäusern, sei aber überall spürbar: «Viele Menschen sind heute belehrungs- und beratungsresistent. Man kümmert sich nicht mehr darum, welche Sitten in der Gesellschaft gepflegt werden.»
Sascha Angehrn, Chef des Amtes für Volksschule, teilte diese Einschätzung. Er betonte, dass es sich um ein komplexes Thema handele, bei dem keine einfachen Lösungen greifen würden. Dennoch seien die Eltern in der Pflicht: «Das Erziehen von Kindern ist schwieriger geworden. Doch es heisst nicht 'Department für Erziehung'.»
Denise Neuweiler ergänzte, dass die Schule nicht alles auffangen könne, was zu Hause unterlassen werde. Es sei «verrückt», welche Hilfssysteme heute in den Klassenzimmern nötig seien. Neben Lehrpersonen seien Klassenassistentinnen, Heilpädagogen und Logopädinnen zum Normalfall geworden. Sie glaube, dass die Anforderungen an Kinder höher seien und es daher wichtig sei, in frühe Förderung und Prävention zu investieren.
Viele Probleme an Schulen würden jedoch dadurch verursacht, dass wichtige Lektionen im Elternhaus nicht mehr gelehrt würden. «Es liegt in der Verantwortung der Eltern, ihre Kinder entsprechend auf die Schule vorzubereiten», schloss Neuweiler ihre Ausführungen.
P.Staeheli--VB